Empfehlungen zu vorbeugenden Maßnahmen bei Aicardi-Goutières-Syndrom (AGS)

Quellen: Dr. Adeline Vanderver - Program Director of the Leucodystrophy
Center of Excellence Children’s Hospital of Philadelphia
Philadelphia, PA 19104 – USA

Das Aicardi-Goutières-Syndrom (AGS) ist eine genetisch heterogene Erkrankung, ihre Ursache können also Mutationen auf verschiedenen Genen sein. In der Folge erhöht sich die Aktivität des Interferon (IFN) und der angeborenen Immunabwehr. Für bestimmte Genotypen (TREX1, RNASEH2A, B, C und SAMHD1) nimmt man an, dass aufgrund einer verminderten Aktivität bestimmter Proteine eine Anreicherung endogener Retroelemente erfolgt, wodurch die Erkennungsmechanismen für endogene DNA oder RNA ausgelöst werden und Interferon ausgeschüttet wird. Bei anderen Genotypen (IFIH1 et ADAR1), vermutet man eine direkte Aktivierung des IFN.

Derzeit gibt es keine Möglichkeit, AGS zu heilen. Verschiedene klinische Studien sind jedoch in Planung.
Dennoch können die Symptome des Aicardi-Goutières-Syndroms bereits heute gut behandelt werden. Neben den oben genannten spezifischen Empfehlungen für Patienten, sollte insbesondere auf folgende medizinische Komplikationen geachtet werden:

Enzephalopathie / Irritabilität und Schlaf: Viele Kinder mit AGS leiden an einer starken Irritabilität. In bestimmten Fällen kann zur Kontrolle dieses Symptoms die Gabe von Medikamenten sinnvoll sein, um beispielsweise die Schlafqualität zu verbessern und den Schlaf zu fördern. Unter den bisher in unserer Patientenpopulation insbesondere zum Einschlafen erfolgreich angewendeten Medikamenten sind vor allem Melatonin, Clonazepam und Guanfacin zu nennen. Um die beruhigende Wirkung und Schläfrigkeit tagsüber so gering wie möglich zu halten, ist bei der Dosierung besondere Sorgfalt erforderlich. Die Irritabilität kann mit der Zeit zurückgehen. Um das Risiko von Komplikationen aufgrund einer Polypharmazie zu vermeiden, sollten die Medikamente abgesetzt werden, wenn ihre Einnahme nicht mehr erforderlich ist. Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom können eine obstruktive oder zentrale Schlafapnoe entwickeln. Nach dieser Komplikation sollte gezielt in der Anamnese gesucht werden.

Wiederkehrendes Resorptionsfieber: Bei Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom können wiederholte Fieberepisoden auftreten, die auch mit einer starken Irritabilität, Hautausschlägen und gelegentlich gar mit einem Anstieg der Zahl der weißen Blutkörperchen in der Zerebrospinalflüssigkeit einhergehen kann. In den meisten Fällen werden diese Fieberepisoden nicht durch eine virale oder bakterielle Infektion ausgelöst, was jedoch in jedem Fall zu verifizieren ist.

Augen: Das Glaukom ist eine bekannte Komplikation des Aicardi-Goutières-Syndroms, weshalb bei jährlichen augenärztlichen Untersuchungen gezielt auf dessen Auftreten zu achten ist. Ebenfalls zu abzuklären ist in diesem Rahmen eine mögliche Verringerung der Anzahl der Lidschläge aufgrund einer Enzephalopathie, um durch die Benetzung mit künstlichen Tränen einer Schädigung der Cornea vorzubeugen. Ein Verlust der Sehkraft aufgrund einer Hirnschädigung (kortikale Blindheit) muss in Erwägung gezogen werden und entsprechende Rehabilitationsmaßnahmen müssen eingeleitet werden.

Zähne: Im Zusammenhang mit dem Aicardi-Goutières-Syndrom, insbesondere beim Genotyp IFIH1, wurden die Rückbildung der Zahnwurzeln und Zahnfleischentzündungen beobachtet. Alle drei Monate sollte daher eine professionelle Zahnreinigung durchgeführt werden.

Schlucken: Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom leiden häufig an Schluckbeschwerden. Eine aufmerksame Kontrolle des Verschluckungsrisikos und eine Behandlung des vermehrten Speichelflusses sind daher in Betracht zu ziehen.

Atmung: Bei Kindern mit Aicardi-Goutières-Syndrom kann es im Zusammenhang mit der zugrundliegenden Hirnschädigung zu respiratorischen Komplikationen kommen. Die jährliche Grippeschutzimpfung sollte bei allen Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom vorgenommen werden. Mindestens einmal im Verlauf eines Jahres sollten Patienten von einem Lungenfacharzt untersucht werden.

Herz: Es kann vorkommen, dass ein Patient an einer Herzerweiterung leidet. Die Gründe hierfür sind noch nicht vollständig bekannt, es ist jedoch möglich, dass die Ursache hierfür eine immunbedingte Schädigung des Herzmuskels ist. Auch andere entzündliche Herz- und Klappenveränderungen können auftreten. Ob eine derartige potentiell schwere Komplikation vorliegt, muss jährlich durch eine kardiologische Untersuchung abgeklärt werden. Bestimmte Patienten, insbesondere solche mit der Variante IFIH1 können anfällig für eine pulmonale Hypertonie sein. Festgestellt werden kann eine solche Komplikation anhand des jährlich erstellten Echokardiogramms und Elektrokardiogramms.

Ernährung: Häufig ist bei Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom eine alternative Ernährung über eine Magensonde erforderlich. Es besteht keine spezifische Einschränkung der zulässigen Lebensmittel. In seltenen Fällen kann jedoch eine entzündliche Darmerkrankung die ausreichende Nährstoffversorgung erschweren.

Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts einschließlich gastroösophagealen Refluxes treten bei Aicardi-Goutières-Syndrom häufig auf. Letzterer wird oft bei jungen Patienten diagnostiziert und zunächst meist auf die besonders starke Irritabilität der betroffenen Patienten zurückgeführt. Andererseits leiden Patienten häufig an Obstipation. Für täglichen weichen Stuhl können freiverkäufliche Medikamente mit dem Wirkstoff Polyethylenglycol ein erster Ansatz zur symptomatischen Behandlung sein. Seltener kann bei Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom eine entzündliche Darmerkrankung auftreten und sollte insbesondere bei Patienten mit blutigem Stuhl in Betracht gezogen werden.

Bei vielen Betroffenen sind Aspartat-Transaminase (AST), Alanin-Aminotransferase (ALAT) oder Gamma-GT (GGT) erhöht. In vielen Fällen sind die Werte jedoch stabil und ohne klinische Manifestation. Bei besonders stark betroffenen Patienten treten Symptome ähnlich einer Autoimmunhepatitis in Erscheinung. Bei Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom ist einmal im Jahr eine gastroenterologische Kontrolluntersuchung erforderlich; anhand von Laboruntersuchungen sind die Leberwerte zu kontrollieren.

Endokrines System: Bei Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom kann eine Schilddrüsenerkrankung auftreten. Daher wird eine jährliche Untersuchung der Funktion der Schilddrüse empfohlen. In selteneren Fällen kann sich ein Diabetes mellitus oder ein Diabetes insipidus entwickeln. Auf Symptome wie häufiges Wasserlassen und wiederholte Dehydrierung ist besonders zu achten.

Blut: Manche Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom, im Allgemeinen Neugeborene, haben eine verringerte Anzahl Thrombozyten im Blut und leiden an einer Anämie. Dieser Befunde kann mit einer Hepatosplenomegalie assoziiert sein. Diese Komplikation ist normalerweise nicht von Dauer. In einigen Fällen können eine Anämie, eine Thrombozytopenie oder eine Leukopenie auch zu einem späteren Zeitpunkt auftreten. Bei entsprechenden Anzeichen sollte daher ein Blutbild erstellt werden.

Orthopädie: Bei Kindern mit Aicardi-Goutières-Syndrom treten gelegentlich eine autoimmune Gelenkerkrankung und Kontrakturen auf, die von einem Rheumatologen behandelt werden müssen. Als Spätkomplikation aus Spastiken und Dystonie entwickeln sich häufig Gelenkschäden. Zur Beurteilung der Subluxation/Luxation der Hüfte sollte jährlich eine bildgebende Untersuchung der Hüften vorgenommen werden. Je nach Ergebnis der klinischen Untersuchung muss auch die Skoliose untersucht werden. Hüftgelenksluxation und Skoliose bedürfen der Behandlung im globalen gesundheitlichen Rahmen des kindlichen Patienten, wobei darauf zu achten ist, dass Kinder mit Aicardi-Goutières-Syndrom mehrere Jahre überleben können. Mobilitätseinschränkungen und die Einnahme verschiedener Medikamente können darüber hinaus eine Osteopenie zur Folge haben. Eine Bestimmung des Vitamin-D- und Kalzium-Spiegels im Blut muss mindestens einmal im Jahr erfolgen. Bei Mangel ist eine Substitution erforderlich.

Haut: Beim Aicardi-Goutières-Syndrom können schmerzhafte Hauterscheinungen auftreten. Der Entstehung von Frostbeulen muss durch Schutz vor Kälte und physischem Druck vorgebeugt werden. Es gibt nur wenige therapeutische Möglichkeiten für die Behandlung der Hauterscheinungen im Zusammenhang mit dem AGS. Gelegentlich können schwerere und ausgedehntere Symptome der Haut wie die Pannikulitis oder großflächige Hautausschläge auftreten. Sie können sehr unangenehm sein und müssen von einem Dermatologen oder Rheumatologen behandelt werden.

Spastiken und Dystonien: Bei Patienten mit AGS können komplexe motorische Defizite, insbesondere Spastiken und Dystonien auftreten. Die Betroffenen können von der medizinischen Behandlung dieser Symptome zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens, ihrer körperlichen Funktionen oder ihrer Postur profitieren. Zu den erwiesenermaßen sicheren und wirksamen Medikamenten zur Behandlung des Aicardi-Goutières-Syndroms gehören Baclofen und Trihexyphenidyl. Nach der Anwendung von Botulinumtoxin haben einige Eltern von einer Verschlechterung der motorischen Funktion berichtet, während andere Kinder sehr gut auf den Wirkstoff angesprochen haben. Wenn kein Botox angewendet wird, so stellt dies kein Hindernis für die Anwendung von Phenol an den großen Muskeln der unteren Gliedmaßen an, um das körperliche Wohlbefinden und die motorische Funktion zu verbessern.

Krampfanfälle: Krampfanfälle sind beim Aicardi-Goutières-Syndrom eher selten und im Allgemeinen gut beherrschbar. Bei Patienten mit AGS zeigen sich zahlreiche nicht-epileptische Anomalien im Zusammenhang mit einer Schädigung der Basalganglien. Vor einer Behandlung mit Antikonvulsiva müssen die Ereignisse mittels einer Elektroenzephalographie (EEG) überwacht und näher untersucht werden.

Autonome Dysfunktion: Mit der Zeit entwickeln viele Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom eine autonome Dysfunktion des Nervensystems. Diese zeigt sich beispielsweise in starkem Schwitzen, einer beschleunigten Herzschlagfrequenz, Atembeschwerden und Schwankungen der Körpertemperatur. Auch die Färbung der Gliedmaßen (von rot hin zu violett) oder die Temperatur von Händen und Füßen können sich ändern. Bestimmte Medikamente können diese Symptome lindern, wenn sie die Lebensqualität des Betroffenen zu stark einschränken.

Entwicklungsverzögerungen: Patienten mit Aicardi-Goutières-Syndrom leiden häufig an schweren Entwicklungsstörungen. Dennoch sollten die Fähigkeiten eines Kindes mit AGS nie unterschätzt werden. Rehabilitationsmaßnahmen wie eine kontinuierliche Beurteilung der Entwicklung der kommunikativen Fähigkeiten sowie regelmäßige Beurteilungen durch ein multidisziplinäres Reha-Team sind daher ratsam.

Nervensystem: Zusätzlich zu den oben genannten möglichen Komplikationen besteht bei Patienten mit AGS, Genotyp SAMHD1 das Risiko einer Moyamoya-Erkrankung und einer Vaskulitis der großen Blutgefäße. Einmal im Jahr sollte bei betroffenen Patientengruppe eine Kernspintomographie (MRT) des Gehirns mit Angiographie (MRA) durchgeführt werden.

Es folgt ein Überblick über die bei Aicardi-Goutières-Syndrom regelmäßig durchzuführenden Untersuchungen. Zusätzliche Untersuchungen sollten entsprechend den klinischen Symptomen durchgeführt werden.